Wer von Gewalt spricht, erzeugt Bilder im Kopf seines Gesprächspartners.
Von blauen Flecken, Lärm und gebrochenen Knochen. Eskalation.
Aber Gewalt ist viel mehr als das. Sie kann dir auch leise und unsichtbar unter die Haut kriechen.
Am Ende ist und bleibt es Gewalt.
Vernachlässigung. Parentifizierung. Gaslighting. Isolation. Kontrolle. Stalking.
Und sogar bewusstes Wegsehen kann Gewalt sein.
Ich erzähl dir nicht, was definiert ist.
Ich zeig dir, wie es aussieht. Wie es sich anfühlt. Und wie man mit den Folgen leben muss.
Du willst selbst aktiv werden?
Wenn du etwas tun willst, damit Schutz nicht zu einem Privileg wird, sondern zu einem Grundrecht, ist der erste Schritt getan, wenn du darüber redest.
Oft ist es Unwissenheit oder schlicht das Glück, mit dem Thema nie konfrontiert worden zu sein, das dazu führt, dass die Notwendigkeit, sich einzusetzen, gar nicht erst erkannt wird.
Sichtbarkeit schafft Bewusstsein. Und erst dann können Veränderungen wirklich stattfinden.
Du willst mehr als nur reden?
Auf dieser Seite findest du Vorlagen für Flyer und kleine Poster, die du gerne drucken und verteilen darfst.
Bitte achte dabei auf die gesetzlichen Vorgaben in deiner Umgebung und halte dich an die geltenden Regeln. Nicht überall darf man Plakate aufhängen oder Flyer ohne Genehmigung verteilen.
Mach dich schlau, bevor du loslegst.
Flyer 3er
Drei unterschiedliche Aussagen, die Gewaltbetroffene zu hören bekommen, wenn ihnen Hilfe verwehrt wird.
Rückseite mit Informationen zur Kampagne.
PDF. Duplexdruck. A4. 3 Flyer pro Blatt.
Flyer 40er
Vierzig unterschiedliche Aussagen, die Gewaltbetroffene zu hören bekommen, wenn ihnen Hilfe verwehrt wird.
Rückseite mit Informationen zur Kampagne.
PDF. Duplexdruck. A4. 3 Flyer pro Blatt.
Poster A4
Vierzig unterschiedliche Aussagen, die Gewaltbetroffene zu hören bekommen, wenn ihnen Hilfe verwehrt wird.
40 Motive zur Auswahl. PDF. A4. Einseitiger Druck.
Solltest du Fragen haben, stelle sie per Mail.
Du hast keinen Drucker? Dann stelle ich dir auch gerne Flyer zur Verfügung. Schreib mir einfach und wir schauen gemeinsam, was du brauchst.

Das Berliner Gewalthilfegesetz ist beschlossen.
Damit haben wir einen Meilenstein für den Schutz von Frauen und Kindern vor Gewalt geschafft. Jahre haben wir dafür gekämpft, gesehen zu werden – und vor allem Schutz zu erhalten. Die Istanbul-Konvention hat nicht gereicht. Sie ist Papier und Papier ist geduldig.
Wie es sich mit dem Gewalthilfegesetz verhalten wird, ob wir ein ähnliches Phänomen beobachten werden dürfen, das wird sich zeigen.
Fakt ist aber auch: Frauen und Kinder bilden die Mehrheit. Aber Mehrheit bedeutet nicht, dass es nicht noch andere gibt. Das Berliner Gewalthilfegesetz aber sieht sie nicht.
Und wer nicht gesehen wird, ist unsichtbar.
Ich bin eine Frau. Ich bin betroffen. Ich werde gesehen. Endlich.
Ich bin aber nicht bereit für meine Sichtbarkeit andere auszulöschen.
Betroffenheit ist kein Wettbewerb.
Schutz muss erhalten, wer Schutz benötigt. Punkt.
Gewaltschutz und die Geschlechterfrage
17. Dezember 2025
Wir sprechen von Gewalt und dem Versagen der Schutzsysteme. Der Fokus liegt klar auf Frauen – auch, weil sie statistisch gesehen häufiger von Gewalt betroffen sind als Männer.
Dabei vergessen wir aber oft eine Sache: Gewalt ist ein System. Sie ist gewachsen in Strukturen, an denen wir immer noch festhalten. Gewalt ist eine Frage der Möglichkeiten.
Und Hilfe bei Gewalterfahrungen auch. Oder nicht?
Heute kannst du alles sein — sogar nicht existent bei vollem Bewusstsein.
Am 24.5.2025 wurde das GewHG in Berlin beschlossen. Ein Meilenstein im Schutz für Frauen und Kinder vor häuslicher Gewalt. Lange gefordert, hart erkämpft, endlich da. Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein Problem. Wir lesen beinah täglich von Femiziden, zählen die fehlenden Frauenhausplätze, verfolgen die Geschichten, die es in die Medien geschafft haben.
Es gibt unzählige Gruppen von Frauen in den sozialen Medien, die Erfahrungen gemacht haben und die Veränderungen fordern — zu Recht. Denn es ist zwingend notwendig über männliche Gewalt zu sprechen. Es ist eine gesellschaftliche Realität, dass statistisch betrachtet wesentlich mehr Frauen Opfer von Gewalttaten werden, die mehrheitlich von männlichen Tätern ausgeübt wird. Es bleibt unbestritten, dass dringend an geeigneten Maßnahmen zum Schutz, zur Prävention und zur Aufklärung gearbeitet werden muss.
Aber: Der Schutz von Frauen vor männlicher Gewalt darf niemals dazu führen, dass Opfer aus anderen Betroffenengruppen unsichtbar gemacht werden. Gerechtigkeit für eine Opfergruppe darf niemals auf Kosten einer anderen stattfinden. Das ist keine ethische Frage. Es kann auch keine Frage der Kapazitäten sein. Es ist eine Frage der menschenrechtlichen Verpflichtung.
Neben dem GewHG gibt es in der Theorie auch andere hilfreiche Gesetze auf EU-Ebene. Die EU Richtlinie 2024/1385 zum Beispiel. Sie stützt sich auf die Istanbul Konvention, übernimmt deren Kern, ergänzt sie um EU-staatliche Erfordernisse und adaptiert sie für die Union — sie ist eine Ergänzung und Konkretisierung der Konvention im EU-Rahmen. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Istanbul Konvention im Oktober 2017 ratifiziert, im Februar 2018 in Kraft getreten und seit Februar 2023 uneingeschränkte Gültigkeit hat. Viele Betroffene werden nun die Hand heben und laut widersprechen wollen — verständlich. Denn sie findet keinen Zugang zur gelebten Praxis, bestenfalls ein leises Aufflammen in einzelnen Urteilssprüchen. Ein Leuchtfeuer konnte sie bisher nicht entfachen, was in verlässlicher Regelmäßigkeit auf EU-Ebene angeprangert wurde.
Die Istanbul Konvention ist eine Verpflichtung, die sich Deutschland auferlegt hat, welche ausschließlich auf dem Papier zu existieren scheint. Denn faktische Anwendung findet weder in den Familiengerichten noch in den Jugendämtern oder sonstigen beigeordneten Behörden und Zuständigkeiten statt. Gewalt wird hier nach wie vor ignoriert, legitimiert oder wegargumentiert. Aber warum?
Zuständigen fehlt häufig spezifisches Fachwissen. Schulungen sind nicht verpflichtend oder vermitteln ein falsches Bild, lehnen sich an geltende Narrative oder werden von Akteuren bedient, die kein Interesse daran haben, Gewalt offenzulegen und zu bekämpfen. Es herrscht weder Transparenz noch Kontrolle.
Was uns direkt zurück zum GewHG bringt. Denn auch dieses liest sich ausgezeichnet, ist es doch das, was Frauen Blut und Tränen gekostet hat, wofür sie jahrelang auf die Straße gegangen sind und hunderttausende Unterschriften gesammelt haben. Und ja — für Frauen und Kinder ist es ein Meilenstein. Eine echte Hilfe. Vielleicht. Wenn es umgesetzt wird.
Und was ist mit allen anderen?
Häusliche Gewalt ist ein Sammelbegriff für alle Formen von Gewalt, die im sozialen Nahraum erfahren werden kann. Häufig wird unterschieden zwischen Partnerschaftsgewalt und innerfamiliärer Gewalt, was allerdings wiederum jene Betroffenen ausschließt, die in Pflegeeinrichtungen Gewalt erfahren oder durch Mitbewohner. Die bekannteste Form von häuslicher Gewalt — weil auch die am meisten in den Medien vertretene — ist die Partnerschaftsgewalt von Männern gegen Frauen. Folgen wir der Definition widerspricht das GewHG der Schutzbedürftigkeit ALLER Betroffenen. Zwar schließt sie andere Personengruppen nicht explizit aus, faktisch kann es jedoch bedeuten, dass aufgrund der aktuellen Vergabepraxis von Fördergeldern die realen Unterstützungsangebote anderer Gruppen minimiert oder komplett ausgelöscht werden. Und die Frage, die sich hier ganz automatisch aufdrängt, ist doch jene: verstößt eine derartige Einengung auf ein Geschlecht inklusive Kinder nicht der Grundlage der Gleichbehandlung und Antidiskriminierung? An dieser Stelle widerspricht das GewHG sogar der EU-Richtlinie, da diese die Nichtdiskriminierung und den geschlechtsunabhängigen Schutz aller Opfer sogar explizit erwähnt und sie in Art. 1 und 2 festhält. Die EU-Grundrechtecharta Art. 21 wird noch deutlicher — mit einem Verbot der Diskriminierung u.a. aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter. Und was ist eigentlich mit unserem Grundgesetz?
Kommen wir aber mal zum Punkt. Gewaltschutz kann und darf nicht geschlechtsspezifisch sein. Gewalt findet nicht nur in allen sozialen Schichten, in jedem Alter und in allen denkbaren und undenkbaren Konstellationen statt. Wir sehen auf Frauen als Opfer von Gewalt, weil sie die Statistiken beherrschen. Aber das ist nicht alles. Es ist auch ein gesellschaftlicher Stereotyp, der hier bedient wird und den wir alle immer wieder ausblenden. Wir denken, wir haben die geschlechterspezifischen Zuschreibungen längst überwunden, lassen Jungs weinen und Mädchen heimwerken. Aber haben wir das? Warum kann ich dann einen rosa Weihnachtsmann mit Einhorn kaufen und einen grünen mit Trecker und Dino? Warum pinkes Frauenwerkzeug? Weil es besser zu meinem Outfit passen soll?
Wir feiern Gleichberechtigung und Gleichstellung und blenden dabei aus, dass sich bereits erreichte Erfolge schon wieder im Rückbau befinden — weil Geld mehr Kraft hat als Moral. Und Ideologie an Geld gebunden ist. Moralisches Handeln steht dem diametral gegenüber.
Genau da liegt auch ein Problem im Thema Gewalt.
79,3% der Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen. 20,7% der Opfer häuslicher Gewalt sind Männer. 64,3% der gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt war Partnerschaftsgewalt; 35,7% waren Opfer von innerfamiliärer Gewalt. Im Bereich der Partnerschaftsgewalt verzeichnete man einen Anstieg von 1,9%. Sind bei den Opfern die Frauen deutlich überrepräsentiert, sind es bei den Tatverdächtigen die Männer (77,7%). 132 Frauen und 24 Männer wurden im Jahr 2024 durch Partnerschaftsgewalt getötet. Und ja — es wurden auch 24 Männer getötet. In Diskussionen um Partnerschaftsgewalt wird das gerne ignoriert oder verschwiegen — oder sogar pauschal als reaktive Gewalt gerechtfertigt.
Schaut man auf die innerfamiliäre Gewalt ändert sich die Lage nochmals drastisch: 54,2% der Opfer sind weiblich und 45,8% männlich. 130 Menschen wurden getötet — davon waren 71 männlich. Der Anstieg innerfamiliärer Gewalt im Vergleich zum Jahre 2023 beträgt 7,3%. Das ist alarmierend.
Zieht man die Zahlen zu schwerer Körperverletzung heraus, verteilt sich die Betroffenheit auf einen Prozentsatz von ca. 40% Männer und 50% Frauen. Bei sexuellem Missbrauch von Kinder, Jugendlichen und Schutzbefohlenen ab 14 Jahren sprechen wir davon, dass ein Viertel der Opfer männlich ist. Schauen wir auf die Misshandlung von Schutzbefohlenen übersteigt erstmals die Betroffenenzahl bei den männlichen Betroffenen die der weiblichen. Männliche Opfer nehmen einen relevanten Anteil ein — und werden gesamtgesellschaftlich ausgeblendet. Formuliert man es provokant, könnte man sagen, wenn deine Tochter Opfer von häuslicher Gewalt wird, ist es relevant. Wenn dein Sohn betroffen ist, spielt es keine Rolle.
Diese Zahlen stammen aus dem aktuellen Lagebild ‚Häusliche Gewalt 2024‘, das im November 2025 veröffentlicht wurde. Erfasst sind ausschließlich jene Fälle, bei denen Betroffene Anzeige erstattet haben. Wir sprechen also vom absoluten Hellfeld.
Wir können dort Zahlen ablesen, aber keine Dynamiken, keine Hintergründe, keine Motive. Man kann nicht erkennen, ob es sich um reaktive oder instrumentelle Gewalt, Gewalt als Machtdemonstration oder auf Grundlage eigener Viktimisierung handelt.
Wenn man mit Opfern von häuslicher Gewalt zu tun hat, sich in diesem Feld bewegt, merkt man schnell, dass diese Zahlen eine Realitätsverzerrung sind. Denn die Meisten gehen gar nicht erst zur Polizei. Das betrifft Frauen genauso wie Männer. In den meisten Fällen wird gar keine Anzeige erstattet. Doch es gibt noch eine andere Art der Verzerrung, die nie mitgedacht wird — und diese hängt direkt mit dem Geschlecht der betroffenen Person zusammen. Frauen sind immer noch das sensible Geschlecht. Und Frauen kämpfen seit Jahren für die Sichtbarkeit ihres Opferstatus im Kontext häuslicher Gewalt. Und ich wiederhole mich: zu Recht. Frauen haben gelernt darüber zu reden. Laut zu sein. Wird eine Frau an Stelle A nicht gehört, geht sie weiter zu Stelle B. Weil sie weiß: Irgendwann kommt jemand, der mir zuhört und mir glaubt. Und Männer? Männer kämpfen heute noch damit, dass sie als schwach gelten, wenn sie Prügel von einer Frau kassieren. Ihre Männlichkeit wird sofort angezweifelt — entweder direkt und offen, indem man es ausspricht. Indirekt und subtil, indem man ihnen nicht glaubt oder ihre Erfahrungen ins Lächerliche zieht. Es ist inzwischen belegt, dass Männer noch seltener anzeigen als Frauen, dass sie von der Polizei weniger ernst genommen werden oder dass ihre Erfahrungen bagatellisiert werden.
Hinzu kommt, dass es nach wie vor der Tatsache entspricht, dass Gefühle zeigen und erst recht darüber sprechen eher weiblich konnotiert ist. Wie spricht man also über Gefühle, wenn man das nie durfte oder es nie gelernt hat? Das Problem fängt also nicht erst an der Tür zum Präsidium an, sondern im Kinderzimmer.
Aber wenn es schon ein Problem ist, seine Gefühle auszudrücken — wie spricht man dann über Missbrauch? Wie spricht man über psychische Gewalt oder finanzielle? Oder all die anderen Formen, die nicht mit blauen Flecken und Schnittwunden zu belegen sind? Für die man ein Konzept braucht und Verständnis?
Wir sind einen winzigen Schritt weiter, da die heranwachsende Generation durchaus Hoffnung keimen lässt. Sie sprechen mehr, direkter — und gelten bei der scheidenden Generation schon gleich wieder als zu sensibel.
Wenn wir nun noch das Stadt-Land-Gefälle hinzunehmen — und ja, das gibt es — dann wird es richtig kompliziert. In vielen ländlichen Regionen, wo jeder jeden kennt, wo man die Dinge noch in der Familie regelt, wo es noch etwas wie gewachsene familiäre Hierarchien gibt, da gibt es oft nicht einmal ein Bewusstsein für Gewalterfahrungen. Und wie würde es sich wohl am Stammtisch machen, wenn bekannt würde, dass der Dorfmechaniker mit 2 Meter Körpergröße und 140 kg Kampfgewicht, von seiner Frau misshandelt wurde? Und was soll er auch tun, wenn hier niemand in der Nähe ist, dem er sich vertraulich zuwenden kann? Wenn das nächste halbwegs passable Hilfsangebot 200km weit weg ist?
Männer sind statistisch unsichtbar. Aus all diesen Gründen: Scham, fehlendes Bewusstsein, äußerer Druck (auch Statusdruck!), Rollenzuschreibungen, gelebte Stereotype, das Fehlen geeigneter Kommunikationsstrukturen und auch fehlende Beratungsangebote oder ein erschwerter Zugang zum Hilfesystem. Wir fragen uns immer artig, wenn es gerade in die Schlagzeilen passt, warum Männer eigentlich nicht offen reden? Gleichzeitig sagen wir immer noch Sätze wie: ‚Jetzt stell dich mal nicht so an.‘ oder ‚Wer hat bei Euch eigentlich die Hosen an?‘ Wir machen uns öffentlichen Sorgen über Filme wie ‚Adolescence‘ und das Wiedererstarken des Patriarchats, bekommen es aber nicht auf die Kette die Zusammenhänge zu erkennen. Auf dem Schulhof gilt ‚Opfer‘ als Schimpfwort. Niemand will ein Opfer sein.
Also warum nur?
Aus den internalisierten Stereotypen ergeben sich aber noch andere Problematiken. Zum einen zwingt die Konsequenz des Stark-sein-Müssens auch eher zur Schuldübernahme. ‚Ich habe ja eigentlich auch provoziert.‘ Und ‚Naja, ich bin ja auch ein bisschen kompliziert.‘ In der Beratung wird das schnell hingenommen, wenn es ein Mann sagt. Es wird als Einsicht gelesen und Reflexion. Sagt es hingegen eine Frau, neigen Fachpersonen dazu, es zu relativieren oder zurückzugeben. ‚Nein, Sie sind das Opfer. Provokation rechtfertigt keine Gewalt.‘ Und ‚Gewalt ist eine Entscheidung, die ein Täter fällt und nie gerechtfertigt werden kann.‘ Sogar in der Beratungsforschung ist dieses Muster dokumentiert.
Problem erkannt?
Wo Machtgefälle herrscht, gibt es kein Gleichgewicht. Und wer Täterstrategien nicht erkennen kann, kann einem Opfer nicht helfen — egal welchen Geschlechts. Dasselbe gilt für unbewusst reproduzierte gesellschaftliche Narrative. Mit Sicherheit gibt es auch Beziehungen und Konstellationen, in denen die Grenzen verwischen. Doch genau deswegen ist es essentiell, Fachpersonal, Institutionen und Stellen, die potenziell mit Betroffenen in Kontakt kommen, regelmäßig und fundiert zu schulen. Dazu gehört ebenso Supervision und Selbstreflexion. Sie sind das Handwerk, auf dem eine verlässliche Arbeit mit Menschen in vulnerablen Situationen fußt. Es ist nicht hilfreich und teilweise sogar gefährlich, wenn Hilfesuchenden die Kontakte zu Beratungsstellen wie Kochrezepte vor die Füße geworfen werden, wenn sie dann vor Ort keine reale Hilfe erhalten. Zu häufig ist Hilfe bürokratisch, schlecht erreichbar und hält ein traumasensibles Setting immer noch für einen Bonus, den man sich auf die Fahne schreiben kann, anstatt es als grundlegende Basis ihrer Arbeit zu betrachten. Auch fehlt es häufig an fundiertem Wissen oder schnellem Zugang zu benötigten Informationen, was dazu führt, dass Mythen unkommentiert einfach reproduziert werden und Betroffene im Ernstfall in große Schwierigkeiten bringen kann. Dass man die Kinder nicht mit in eine Schutzeinrichtung nehmen darf, da dies als Kindesentführung gelte, ist nur ein Beispiel von vielen.
Wir haben Spezialprogramme für Schulen vor den Ferien, die zum Thema Zwangsheirat sensibilisieren sollen — immer mit dem Fokus auf die Mädchen. Aber auch Jungen werden zwangsverheiratet. Weil sie potenziell weniger sind, werden sie einfach nicht mitgedacht. Kein Aufschrei, kein Schutz. Und hat auch nur einmal jemand an diejenigen gedacht, die in familiären Strukturen festhängen, aus denen sie unmöglich ausbrechen können? Junge Männer, die in Clans hineingeboren wurden, aber deren Narrative nicht mittragen wollen — wohin? Sie müssen schnell raus, brauchen Sicherheit und ein tragendes System. Nur — das gibt es nicht, weil es gar nicht erst ins Sichtfeld rückt. Wir reden immer von kriminellen Strukturen und Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, aber nie von den naheliegendsten Lösungen.
Völlig aus dem Fokus fällt auch die Tatsache, dass ein Mann, der sich einmal zu dem Schritt durchringen kann, sich Hilfe zu suchen, kein zweites Mal kommen wird, wenn er scheitert. Wenn der Erstkontakt dilettantisch und unsensibel verläuft — wenn dieser sensible Moment scheitert — gibt es in den meisten Fällen keinen zweiten Versuch. Ein Effekt, der aus der Suizidprävention gut belegt ist.
In Deutschland haben Frauen Frauenhäuser. Männer haben Schutzwohnungen — vereinzelt, wenn sich engagierte Vereine einsetzen. Berlin — wie ganze Landstriche in Zentraldeutschland — hat keine einzige. Aber Berlin hat eine Schutzwohnung für LGBTQ+. Das ist wunderbar, wirkt aber zeitgleich wie ein Schutz entlang aktueller Debattenlinien, während andere Gruppen trotz hoher Bedarfe in unserer Wahrnehmung gar nicht existieren.
Männer, die eine Schutzeinrichtung beanspruchen möchten, haben oft nur Kontaktmöglichkeiten zu den Bürozeiten. Manchmal gibt es eine Rufbereitschaft. Standard ist es nicht. Die Organisation ist meist dezentral und es gibt keine Betreuung vor Ort. Wo wir wieder beim Anfang wären: Setzen wir den Kerl doch einfach in ein kleines Appartement — er kommt schon klar. Psychologische Begleitung? Akutszenarien? Kein Anschluss unter dieser Nummer. Und was ist eigentlich, wenn er Kinder mitnehmen will/muss?
Ein Satz ist mir aus einer Fortbildungsveranstaltung zum Thema besonders hängen geblieben: ‚Bei Männern gibt es nicht so häufig Momente, wo sie akut eine Unterkunft benötigen. Die kommen zurecht, schlafen dann vier Wochen im Auto.‘ Das ist es also, was für uns als akzeptabel gilt? Wirklich? Alles in Allem behandelt unser System Gewalt als Statistik, vielleicht noch als verschiebbaren Verwaltungsakt. Aber nie als das, was sie ist: inakzeptabel und traumatisierend.
Und gleichzeitig ist nicht die Statistik das Problem. Das Problem ist, wie wir darüber sprechen. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Frauen Opfer und Männer Täter. Aktivistische Gruppen zum Thema häusliche Gewalt befeuern diese Sicht zusätzlich, brennen uns ein Bild ein, das schief ist. Denn häufig sind die aktiven, sichtbaren Akteure der Gruppe selbst Opfer, kaum in der Lage ihr eigenes Erleben vom Diskurs zu trennen, was zu einer Überemotionalisierung der Debatte führt, die am Ende weder gerecht noch richtig sein kann. Denn sie opfert Betroffene, die nicht ins Bild passen und löscht sie aus — eine Sekundärviktimisierung, weil die Verletzung einer Gruppe die Aufmerksamkeit und das Recht, das Narrativ zu bestimmen, für sich beansprucht, aus ihrem Status einen Wettbewerb macht. Der Schaden legt sich am Ende über alle, weil es nicht mehr um den Kern des Themas geht — Gewalt als Struktur — sondern darum, wer die Deutungshoheit über Betroffenheit behält. In der Realität bedeutet das: Sichtbarkeit, Hilfe und Therapiezugang, Verständnis und Schutz wenn du eine Frau bist. Bist du ein Mann, kannst du nur Täter sein. Folglich hast du weder ein Recht auf Verständnis, Unterstützung und Folgeleistungen. Du hast sogar ein Redeverbot, weil aus deinem Erleben schnell Schuld abgeleitet wird, die wie ein Bumerang zu dir zurückkommt. Von den langfristigen psychologischen Folgen spreche ich hier gar nicht erst.
Das GewHG institutionalisiert genau diese selektive Schutzstruktur, folgt scheinbar unreflektiert dem Lärm einer Seite ohne auch nur einmal in die andere Richtung zu blicken und reproduziert, so wie es aktuell konstruiert ist, einen Verwaltungsakt ohne Wirkung. Im Schlimmsten Fall wird daraus eine Auslöschung von Opfern, weil sie in der Statistik weiter unten stehen. Das Fallobst des Rechtsstaates. Es ist daher nur folgerichtig dieses GewHG nur als ersten Akt eines längeren Schauspiels zu betrachten. Als inakzeptablen Vorschlag des Verhandlungspartners. Gewaltschutz muss menschzentriert sein — nicht geschlechterzentriert. Wir brauchen kein Gesetz, das eine Mehrheit schützt und eine Minderheit auslöscht. Wir brauchen ein Gesetz, das Gewalt als Machtmissbrauch begreift und ihr endlich klare, ernstzunehmende Grenzen aufzeigt. Alles andere ist ein Verrat an unseren demokratischen Werten und dem Menschen.
Dieser Text ist zuerst auf Medium erschienen.
Quellen
Gesetze und Richtlinien
- Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt (GewHG), Berlin 2024. Parlament Berlin, Zugriff: 22.11.2025.
- Richtlinie (EU) 2024/1385 zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, 14. Mai 2024. EUR-Lex, Zugriff: 22.11.2025.
- Istanbul-Konvention, Europarat 2011. Europarat, Zugriff: 22.11.2025.
- Charta der Grundrechte der Europäischen Union, Amtsblatt der EU, 26.10.2012. EUR-Lex, Zugriff: 22.11.2025.
Berichte und amtliche Dokumente
- GREVIO: Baseline Evaluation Report Germany, Strasbourg 2022. Europarat, Zugriff: 22.11.2025.
- Bundesrat: Bericht der Bundesregierung zum Stand der Umsetzung der Istanbul-Konvention, Drucksache 440/23, 2023. Bundesrat, Zugriff: 22.11.2025.
- Deutscher Bundestag – Wissenschaftliche Dienste: Schutzunterkünfte für von häuslicher Gewalt betroffene Männer, WD 9-112/19, 2019. Bundestag, Zugriff: 22.11.2025.
- Bundeskriminalamt: Lagebild Häusliche Gewalt 2023, Wiesbaden 2024. BKA, Zugriff: 22.11.2025.
- Bundeskriminalamt: Dunkelfeldforschung – Ziel, Arbeitsweise und erste Ergebnisse. BKA, Zugriff: 22.11.2025.
Journalistische Quellen
- Keller, Gabriela: „Väterrechtler auf dem Vormarsch“, CORRECTIV, 19.09.2023. Correctiv.org, Zugriff: 22.11.2025.
Studien und Fachliteratur
- Taylor, J. C.: „Barriers to Men’s Help-Seeking for Intimate Partner Violence“, Aggression and Violent Behavior, 57 (2021).
- Ambrozewicz, P.: „Ending the stigma of male domestic violence and abuse“, Child Abuse & Neglect, 140 (2024).
- Douglas, E. M.; Hines, D. A.: „The Help-seeking Experiences of Men Who Sustain Intimate Partner Violence“, Journal of Family Violence, 2011. PMC, Zugriff: 22.11.2025.
- Lomans, A. M.: „Help-seeking behaviour in primary care of men who experience intimate partner violence“, European Journal of General Practice, 2022. Tandfonline, Zugriff: 22.11.2025.
- Huntley, A. L. et al.: „Help-seeking by male victims of domestic violence and abuse“, BMC Health Services Research, 20:1085 (2020). BMC, Zugriff: 22.11.2025.
- Schrottle, M. et al.: Country report on femicide research and data: Germany, IfeS, FAU Erlangen-Nürnberg, 2022. IfeS, Zugriff: 22.11.2025.
- KFN: Häusliche Gewalt im ländlichen Raum, 2018. KFN, Zugriff: 22.11.2025.
- KFN: Studie macht Licht im Dunkelfeld: Jeder zweite Mann ist im Leben von Partnerschaftsgewalt betroffen, 2024. Männergewaltschutz.de, Zugriff: 22.11.2025.
Organisationen und NGOs
- Männerhilfetelefon: „I would like to know more about violence against men“, 2024. Männerhilfetelefon.de, Zugriff: 22.11.2025.
- TERRE DES FEMMES: „Die Weiße Woche 2024: Präventionsarbeit gegen Zwangsheirat an Schulen“, 2024. Frauenrechte.de, Zugriff: 22.11.2025.
- Hamburgischer Senat: Active against Forced Marriage – Handlungshilfe für Schulen und Beratungsstellen, 2015. Hamburg.de, Zugriff: 22.11.2025.
- Schwulenberatung Berlin: Haus Schöneberg – Schutzwohnraum für LSBTIQ Personen, o. J. Schwulenberatung Berlin, Zugriff: 22.11.2025.
- Bundesforum Männer: Häusliche Gewalt gegen Männer – Briefing Paper, Berlin 2023. Bundesforum Männer, Zugriff: 22.11.2025.
- OSCE/ODIHR: Addressing Domestic Violence Against Men – A Gap in Support Services, 2020. OSCE, Zugriff: 22.11.2025.
Häusliche Gewalt
Wenn nach der Trennung kein Neuanfang wartet
25. März 2026
Kannst du dich daran erinnern, als dein Kind geboren wurde? Wie plötzlich die Welt anders war? Weißt du noch, wie es war, als du es das erste Mal im Arm gehalten hast? Wie es plapperte, lachte und die ersten Schritte unternahm? Erinnerst du dich an das erste Wort?
Kannst du dich an dieses Gefühl erinnern, das du dabei hattest?
Dein Leben gehörte dir nicht mehr. Aber es war kein Verlust, sondern eine grundlegende Modusänderung. Das Kind in deinen Armen ließ kaum etwas übrig von dem, was vorher war. Und das war okay. Das war schön. Wunderschön.
Wenn du dir Fotos ansiehst, kehrst du dorthin zurück. Zu den unzähligen ersten Malen, den kleinen Katastrophen und den Unvorhersehbarkeiten. Dann zieht sich ein Lächeln über dein Gesicht, du schaust deinem Kind hinterher, wie es – groß geworden – sein Leben selbst in die Hand nimmt und du denkst an damals. Du pflegst Erinnerungen.
Erinnerungen, die dir keiner nehmen kann.
Natürlich nicht.
Oder?
Wir leben in einer Zeit, in der wir offen über Gewalt sprechen können. Häusliche Gewalt ist kein Familienstreit, Misogynie ist kein Randphänomen, sondern tägliches Geschäft und Femizide eine Konsequenz der jahrelangen Ignoranz und eines gelebten Narrativs aus Politik und Gesellschaft.
Die Frau, das schwache Geschlecht, das hilflose Wesen – Eigentum des Mannes.
Das war einmal – glauben viele. Frauen fordern heute aktiv ihre Rechte ein, wehren sich und klagen Unrecht an.
Aus gutem Grund. Und weil es eben nicht Geschichte ist, sondern immer noch bittere Realität.
Denn nur, weil wir reden können, heißt es nicht, dass auch gehandelt wird.
Häusliche Gewalt hat viele Gesichter, aber immer noch hält sich die Vorstellung – vor allem in der deutschen Rechtsprechung –, dass es ohne blaue Flecken und Knochenbrüche nicht so schlimm sein kann.
Die Statistik der Polizei zeigt einen deutlichen Anstieg der angezeigten Taten, weist aber ausdrücklich auf ein immenses Dunkelfeld hin – und stellt gleichzeitig die Frage, warum so wenig angezeigt wird. Dabei ist der Grund augenfällig.
Es reicht nicht, wenn der Mann Schläge andeutet, aber nicht ausführt. Wenn er die Frau an die Wand schiebt, sein Gesicht an ihres drückt, sodass sein heißer Atem auf ihrer Haut brennt. Wenn er mit einem Lächeln im Gesicht Andeutungen macht, die niemand lesen kann, außer sie. Weil sie ihn kennt. Weil sie weiß, wie er hinter verschlossenen Türen ist. Was er kann. Was er meint, wenn er nichts sagt.
Weil er sie kennt – und weiß, wo er ansetzen muss.
Ein gemeinsamer Mietvertrag garantiert ihm Zugriff. Jederzeit. Ohne Einschränkungen. Ein Stück Papier mit einer Unterschrift reicht.
Gemeinschaftskonten räumt er leer. Anzeigen? Was? Dass er Geld von einem Konto genommen hat, das auch auf seinen Namen läuft? Lächerlich.
Er bombardiert sie mit Nachrichten. Antwortet sie nicht auf SMS, schreibt er E-Mails. Er verfolgt sie auf den Sozialen Medien, ist überall, wo sie auch ist – doch er tut nichts. Er ist einfach nur da. Dagegen kann man nichts machen.
Ihr Umfeld vergiftet er mit Freundlichkeit und einem Lächeln, streut dabei Informationen, die nicht stimmen. Tabletten, Alkohol. Psyche. Er habe durchgehalten, so lange es ging. Ihr zuliebe. Der Gutmensch präsentiert sich und infiltriert ihr Umfeld. Immer noch und schon wieder. Dabei ist die Trennung bereits Monate her.
Die Kinder holt er später als verabredet, bringt sie früher zurück. Beschimpft deren Mutter in ihrem Beisein. Manchmal kommt er wochenlang gar nicht, um dann sein Recht auf Umgang mit Nachdruck einzufordern.
Und die Frau? Die Mutter?
Sie nimmt Beratungstermine wahr. Man sagt ihr, sie solle sich zurücknehmen, dass zu einem Streit immer zwei gehören und dass sie sich diesen Mann ausgesucht habe.
Warum sind Sie nicht früher gegangen?
Warum haben Sie sich nie Hilfe geholt?
Warum haben Sie sich auf diesen Mann eingelassen, wenn er so furchtbar ist?
Dann wird der Konjunktiv zur Waffe und sie zum Problem.
Sie hätten ja gehen können.
Und nein sagen können.
Sie hätten ja auch reden können, anstatt ihn einfach zu verlassen, nachdem er sie angegriffen hat. Heute scheint Beziehung austauschbar. Niemand bleibt mehr, wenn es schwierig wird.
Und: Sie hätten ja keine Kinder mit ihm haben müssen.
Nichts davon ist hilfreich. Nichts davon ändert etwas. Aber jedes einzelne Wort wiederholt die Gewalt, die eine Frau bis dahin erfahren hat. Der Schritt, den sie gegangen ist, um Hilfe zu holen, wiederholt ihren Alptraum immer und immer wieder.
Lehnt ein Kind den Vater ab, ist sie verantwortlich. Spricht sie Probleme an, sucht man die Ursachen zuerst bei ihr. Nimmt sie sich zurück und schweigt, wirkt sie unsicher und labil. Wehrt sie sich hingegen und kennt ihre Rechte, wirft man ihr Manipulation und Rachsucht vor.
Frauen, die Gewalt erlebt haben, erleben häufig, dass diese fortgeführt wird. Dass nicht interveniert wird, weil man keinen Grund sieht oder man nicht in der Lage ist, das Gesamtbild zu betrachten. Nachtrennungsgewalt ist ein System mit eigenen Dynamiken, das sich nicht an einer einzelnen kleinen Demütigung festmachen lässt. Nachtrennungsgewalt ist ein Teppich vieler kleiner und größerer Angriffe, die oft im Außen harmlos aussehen, aber nur ein Ziel verfolgen: Macht und Kontrolle.
Die Frau als Objekt, als Eigentum des Mannes.
Ein Leben ist unmöglich. Es ist ein Überleben. Und wer überlebt, hat keine Kapazitäten für Animositäten. Und unser Gehirn entscheidet schnell, was notwendig ist und was entbehrlich.
Erinnerungen sind unnütz – zumindest, wenn man überleben will.
Viele Frauen, die Gewalt erleben, die in einem Leben voller Nachtrennungsgewalt gefangen sind, erleben genau das. Ihnen fehlt die Erinnerung an die Kindheit ihrer Kinder. Sie wissen nicht, was das erste Wort ihrer Tochter war oder wann der erste Zahn kam.
Frauen aus Gewaltbeziehungen sind häufig isoliert, da Isolation Teil des Systems ist. Sie müssen sich allein darum kümmern, nicht unterzugehen und ihre Kinder mit dem geringstmöglichen Schaden großzuziehen.
Männer, die Gewalt ausüben, die Kontrolle und Macht beanspruchen, nehmen Frauen – und ihren Kindern – mehr als ein bisschen Lebensqualität. Sie stehlen Erinnerungen, zerstören Bindungen und hinterlassen Schäden, die sich nie wieder reparieren lassen.
Daher ist es zwingend notwendig, dass nicht nur Opfer und Betroffene lernen zu sprechen. Nachbarn, Freunde, Bekannte und jeder, dem etwas auffällt, muss mindestens lernen, Fragen zu stellen. Öffentlichkeit schützt Betroffene und macht Hilfe möglich.
Alle sprechen überall vom Hinschauen.
Aber Hinschauen alleine reicht nicht. Aus dem Gesehenwerden muss eine Folgehandlung erwachsen.
Also macht euren Mund auf – und handelt.
Der Artikel ist zuerst bei LinkedIn erschienen.
„So war das ja gar nicht gemeint ..“
Was hörst du eigentlich für Sätze, wenn du von deinen Erfahrungen mit Gewalt sprichst?
Nicht jeder kann verstehen, was es bedeutet, wenn man Gewalt erleben musste. Und nicht jede Reaktion vermittelt Schutz oder das Gefühl, sicher sprechen zu dürfen.
Wie Menschen reagieren, hängt von vielen Faktoren ab: Beziehung zum vermeintlichen Täter oder zur betroffenen Person, eigene Erfahrungen, verinnerlichte Klischees, Erziehung, Vorurteile, Bindung, uvm.
Nicht zuletzt nimmt auch die Art, wie wir allgemein über Gewalt und Betroffene sprechen eine entscheidende Rolle ein.
Eine Frage, die sich jeder stellen sollte: bin ich eine sichere Person?
Die meisten würden sie mit „ja, natürlich“ beantworten. Doch wovon hängt es ab, dass du als sichere Person wahrgenommen wirst? Reicht es, verständnisvoll zu sein? Offen? Freundlich? Oder reicht es aus, dass man sich selbst für sicher hält?
Ob jemand mit dir über seine Erfahrungen sprechen würde, entscheidet sich aber viel früher als du vielleicht meinen würdest. Vielleicht lange bevor derjenige überhaupt irgendetwas zu erzählen hätte. Es beginnt bei der Art, wie du kommunizierst. Wie du über die Erfahrungen anderer – auch fremder Menschen – sprichst. Welche Haltung du erkennen lässt. Wie schnell du urteilst.
Ob du sicher bist, entscheidet der andere. Du aber kannst dich entscheiden, welche Haltung du zeigst.
Wie hast du bisher über Gewalt gesprochen?
Hast du schon einmal einen der folgenden Sätze gesagt?
Was denkst du, wie sich jemand fühlt, wenn er das hört und eigentlich lieber über etwas sprechen wollte?
Was sagt man einem Betroffenen eigentlich?
- Das ist nie passiert. (Leugnen)
Was ankommt: Deine Wahrnehmung ist fehlerhaft. Und das strengt mich an.- So schlimm wird’s schon nicht gewesen sein.
- Das glaub ich nicht.
- Das kann ich mir nicht vorstellen.
- Man sieht ja gar nichts.
- Jetzt mach mal nicht so einen Wind.
- Das hast du sicher falsch verstanden.
- Kann doch gar nicht sein.
- Bullshit.
- Ist doch jetzt vorbei.
- Ich glaube dir nicht. (Zweifel säen)
Was ankommt: Du sagst nicht die Wahrheit. Lügner!- Ich halte mich an die Unschuldsvermutung, bis du mir Beweise lieferst.
- Kannst du’s beweisen?
- Bist du sicher?
- Man sieht ja gar nichts.
- Das glaub ich nicht.
- Das kann ich mir nicht vorstellen.
- Warum hast du denn nie was gesagt?
- Wenn das so war, wäre ich ja nicht geblieben…
- Hättest ja auch die Polizei rufen können, wenn’s denn so gewesen ist…
- Du hast ja nicht einmal Anzeige erstattet.
- Du bist schuld. (Schuldumkehr)
Was ankommt: Das Problem ist nicht die Gewalt, sondern du und dein Verhalten. Und jetzt lieferst du selbst den Beweis. Danke.- Du wirst schon provoziert haben.
- Zum Streiten gehören auch immer zwei.
- Streit gehört halt dazu.
- Warum bist du denn nicht gegangen?
- Du hast sie dir doch ausgesucht.
- Warum hast du dann Kinder mit ihm bekommen?
- Selber Schuld.
- Du wolltest doch nur, dass er zahlen muss.
- Du hast für ihn aber auch immer eine Rechtfertigung gefunden.
- Du hast das kleine Biest auch immer in Schutz genommen.
- Du wolltest das doch so.
- Das hast du dir so ausgesucht.
- Jaja, blabla.
- Wer sich so präsentiert, darf sich hinterher halt auch nicht wundern.
- Du bist auch nicht einfach.
- Du warst doch immer schon der Opfer-Typ.
- Stell dich nicht so an. (Verharmlosen)
Was ankommt: Deine Realität ist falsch, deine Gefühle bewegen sich außerhalb der Norm. Schlimm ist das für uns. Wirklich schlimm.- Du wieder mit deiner Dramatik.
- Stell dich mal nicht so an.
- Jetzt mach mal nicht so einen Wind.
- Du bist aber auch so eine Mimose.
- Kannst du die Vergangenheit nicht mal vergangen sein lassen?
- Jetzt lass aber mal gut sein.
- Er ist halt sensibel.
- Männer sind halt so.
- Er ist halt so erzogen.
- Er tut das nur, weil er dich mag.
- Jeder hat eine zweite Chance verdient.
- Konntest du dich mal wieder nicht durchsetzen?
- Wenn du auch in dem Milieu arbeiten musst.
- Wenn du dich auch in der Gegend rumtreiben musst.
- Aber der Täter … (Täter schützen)
Was ankommt: Wir schauen erstmal, wen du da überhaupt beschuldigst und ob das, was du sagst mit unserem Bild dieser Person übereinstimmt. Schutz? Für dich? Weswegen?- Zu mir war er immer ganz nett.
- Also ich mag ihn trotzdem.
- Er hat sich doch immer so für dich eingesetzt.
- Dabei war sie so fürsorglich.
- Aber er ist mein Freund.
- Aber er ist dein Vater.
- Aber sie ist deine Mutter.
- Aber ihr habt doch Kinder!
- Er ist ein angesehenes Mitglied der Gemeinde.
- Er ist der coolste Typ an der Schule.
- Willst du seine Karriere zerstören?
- Mir hat er nie was getan.
- Er hat sich immer um seine fünf Geschwister gekümmert – das kann also gar nicht sein.
- Sag bloß nichts. (Schweigen erzwingen)
Was ankommt: Deine Realität interessiert uns nicht. Wir mögen unser Bild der Wirklichkeit und bleiben lieber dabei.- Das erzählst du ja niemandem.
- Das regeln wir in der Familie.
- Wehe, wenn du Anzeige erstattest.
- Das kannst du unserer Familie nicht antun.
- Du machst alles kaputt.
- Wenn du das öffentlich machst, sind wir keine Freunde mehr.
- Du machst dich lächerlich.
- Wenn du das jemandem erzählst – wie soll ich dann noch auf die Straße gehen können?
- Was werden die Leute denken?
- Im Dorf kennt uns doch jeder.
- Mit dir stimmt etwas nicht. (Betroffene entwerten)
Was ankommt: Du bist falsch, falsch, falsch. (Immer schon gewesen)- Du warst halt immer schon ein Schwächling.
- Du konntest dich noch nie wehren.
- Was is’n mit dir?
- Wenn du Probleme mit Männern hast, solltest du vielleicht eine Therapie machen.
- Dann mach halt eine Therapie, wenn’s so schlimm war.
- Du willst doch nur Rache.
- Das sagst du jetzt nur, weil es dir peinlich ist, mit ihm/ihr im Bett gewesen zu sein.
- Jeder weiß, dass du jeden ranlässt. Und jetzt willst du dein Image pollieren. Schon klar.
- Ich würde mich für den Rest meines Lebens verstecken.
- Du ziehst halt solche Leute auch an.
- Man bekommt immer, was man verdient.
- Karma.
- Das Leben schenkt einem nur das, was man auch aushalten kann.
- Gleich und gleich gesellt sich eben gern.
- Männer/Frauen sind eben so. (Geschlechterklischees)
Was ankommt: Dein Wissenstand ist nicht up-to-date. Wir klären dich mal auf.- Männern kann das gar nicht passieren, denn sie müssen es wollen.
- Frauen können doch gar nicht gewalttätig sein.
- Mütter tun sowas nicht.
- Wenn er als Mann Kleider tragen muss …
- Ist das jetzt wieder so ein Frauending?
- Was bist du denn? Mann oder Maus?
- Wenn dich das so gestört hat, vielleicht bist du ja schwul?
- Was soll dir die denn antun können? Die ist doch viel zu schmächtig.
- War ja klar, wer in der Beziehung die Hosen anhat.
- Und wie willst du ohne Mann im Haus klarkommen?
- Wenn du nicht so einen Lebensstil pflegen würdest, wär‘ dir das auch nicht passiert.
- Deine Vorgesetzte ist eine Frau. Du bist ein Mann. Zeig ihr das halt einfach mal.
- Sie wollte halt einen echten Kerl…
- Du wolltest doch einen starken Mann!
- Du bist weniger wert. (Abwertung)
Was ankommt: Dein Wert ist an äußere Umstände gekoppelt, verhandelbar und du selbst hast keinen Einfluss darauf. Du bist jetzt nur noch Grabbeltisch.- Also mir wär das peinlich.
- Wenn mir das passiert wäre, würde ich nicht mehr leben wollen.
- Sei doch froh, dass sich so einer für dich überhaupt interessiert.
- Du machst dich lächerlich.
- Bevor ich mir den ausgesucht hätte, hätte ich mir lieber Ziegen gekauft.
- Wenn man das weiß, fasst dich doch keiner mehr an.
- Und was willst du jetzt, dass ich tue?
- In deiner Situation hätte ich auch weder Interesse, mit dir befreundet zu sein, noch mit dir eine Beziehung zu führen.
- Hinterher weiß es jeder besser. (Besserwisserei)
Was ankommt: Du bist dumm. Hier ist der Beweis.- Jeder hat’s gewusst, nur du hast es wieder nicht gecheckt.
- Jetzt, wo ihr das Haus gekauft habt!
- …aber ihr musstet ja unbedingt ein zweites Kind machen.
- Ich hab’s dir ja gesagt…
- Wer nicht hören will und so.
- Das hast du jetzt davon.
- Jeder lebt mit dem, was er sich aussucht.
- Du hast immer schon den Ausschuss angezogen.
- Du bist halt ein Idiotenmagnet.
- Das liegt an deinem Helfersyndrom…
- Man sollte eben vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht.

