Früher hat ein Dorf ein Kind erzogen. Heute ist jeder sich selbst überlassen.
Deswegen scheitert Schutz.
Hinsehen allein reicht nicht. Und Handeln ist nicht immer einfach.
Meine Eindrücke aus jahrelanger Recherche, aus der Praxis im Rahmen ehrenamtlicher Tätigkeiten und auch meine eigenen Erfahrungen teile ich hier.
Es muss sich etwas ändern – und ich fange an.
BeoKiz
Regional: Berlin
Was ist BeoKiz? Warum ist es sinnvoll, hier genauer hinzusehen? Warum hab‘ ich schon wieder ein paar Fragen und warum ist jetzt sogar die Datenschutzbeauftragte involviert – das klären wir hier.
Aus der Recherche – und wie man damit umgeht
7. Juni 2026
Seit nahezu sechs Jahren recheriere ich nun im Bereich Kinder- und Jugendschutz. Besonders der Kontext häusliche Gewalt und Gewalt im Nahfeld ist mir dabei mehr versehentlich als absichtlich in den Fokus gerutscht.
Dabei sind mir Dinge begegnet, die ich zuvor nicht für möglich gehalten hatte. Und das obwohl ich im direkten Umfeld – in meinem eigenen Nahfeld – genau diese Dinge beobachten konnte.
Meine erste bewusste Erinnerung an eine beobachtete Misshandlung eines Kindes liegt Anfang der Neunziger. Ich war vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Der Junge war auffällig, aggressiv und suchte die Auseinandersetzung. Er hatte häufig blaue Flecken. Man ordnete sie seinen provozierten Auseinandersetzungen zu – den Pausenhofschlägereien und jenen auf dem Nachhauseweg. Aber so war es nicht.
Er gab nur weiter, was er selbst erfahren hatte. Aber niemand wollte es sehen.
Dass er seine Kindheit überlebt hat, war wohl eher Glück.
Heute weiß ich nicht mehr, wie viele solcher Kinder ich gesehen habe. Und wie viele ich übersehen habe.
Wie viele Erwachsene mir gegenüberstanden und auf einmal erzählten. Denn die Kinder werden groß und legen als Erwachsene nicht ab, was sie erlebt haben.
Vielleicht verdrängen sie es oder sie geben sich selbst die Schuld. Oder sie werden krank, weil sie nicht verarbeiten können, was man ihnen genommen hat.
Es stimmt einfach nicht, dass man Kindheit hinter sich lässt. Sie prägt. Sie formt unser erwachsenes Ich. Sie macht aus uns die Menschen, die dann vielleicht selbst Kinder haben – und entweder weitergeben, was sie kennen, oder alles daran setzen es anders zu machen.
So hab‘ ich überhaupt erst zum Schreiben gefunden.
Um zu erzählen, was für viele gar nicht sagbar ist. Wie sollte das besser funktionieren, als in einer Geschichte versteckt?
Dabei ist es eine Lüge zu behaupten, man könne Themen von sich schieben und rationalisieren.
Man kann sich distanzieren, um arbeitsfähig zu bleiben. Und das muss man auch. Aber man hört nicht auf, Mensch zu sein. Das darf man auch nicht.
Ein Prinzip, das mir wichtig ist und welches ich nicht ablegen werde ist: wenn ich es sehe, bin ich (mit-)verantwortlich. Das ist nicht verhandelbar und absolut optionslos.
Jedoch bedeutet es auch, Druck auszuhalten. Es kann bedeuten, von seiner Arbeit abweichen zu müssen, andere Wege zu gehen und plötzlich Dinge zu tun, die man nie tun wollte. Manchmal länger, als einem lieb ist.
Als ich ein Kind war, gab es viele, die einfach aushalten mussten, erwachsen wurden, ohne dass sie jemals wirklich gesehen wurden, weil ich auch nur ein Kind war und nicht ausgereicht hab. Heute bin ich kein Kind mehr und reiche trotzdem oft nicht.
Das liegt nicht an mir. Das liegt oft an Systemen, die nicht tun, wofür sie gemacht sind. Oder an Menschen, die ihre Aufgaben missverstehen.
Ich kann nicht die Welt retten. Das ist auch nicht meine Aufgabe.
Aber ich kann zeigen, wo die Bruchstellen liegen, die häufig einfach zu beheben wären – wenn nur ein paar mehr bereit wären, daran zu arbeiten.
Die Erosion der Kinder- und Jugendhilfe und ihre Folgen
14. Mai 2026
Wenn man sich im Themenfeld Kinder- und Jugendschutz bewegt und ein bisschen recherchiert – zuerst nur, weil man vernünftige Grundlagen für sein Buchprojekt schaffen will, dann weil man kaum glauben kann, was man zu Gesicht bekommt – empfindet man die aktuellen Fragen, warum die Jugend so negativ sei, so depressiv und zukunftsmüde, ziemlich schnell als zynisch.
Statt den Kitaausbau voranzutreiben, schließen wir Kitas wegen angeblichen Kindermangels. Statt Schulen zu sanieren, schieben wir ihnen Eigenverantwortung zu, die sie gar nicht tragen können. Wir reduzieren das therapeutische Angebot, verlängern die Wartelisten, schließen sogar eine teils lebenswichtige Suchtklinik für Kinder und Jugendliche und erschweren Teilhabe in Zukunft durch standardisierte Angebote.
Ein bereits erodiertes System bearbeiten wir noch zusätzlich mit Hammer und Meißel.
Ich möchte an der Stelle gar nicht auf die Frage eingehen, warum Kinder und Jugendliche heute erschöpft sind. Warum viele zukunftsmüde sind und antriebslos. Ich will auch nicht darüber reden, warum einige den falschen Ideologien anfangen nachzulaufen.
Oder vielleicht doch?
Denn wenn man so lange wie ich in dem Bereich recherchiert, fällt eine Sache auf: Verzweiflung fragt nicht.
So, wie wir derzeit mit dem Kinder- und Jugendhilfesystem umgehen, zersetzen wir die kläglichen Reste zur Unkenntlichkeit. Wo keine vernünftige, sichere Basis mehr vorhanden ist, entsteht ein Vakuum, das durch Alternativen ersetzt wird.
Welche Orientierung bieten wir Kindern und Jugendlichen heute? Welche Zukunftsperspektiven? Kriegsdienst, 73-Stunden-Woche und finanzielle und gesundheitliche Sorgen. Woran sollen sie glauben oder sich festhalten?
Wo Perspektivlosigkeit vorherrscht, steigt tendenziell die Kriminalität. Aber nicht nur im direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen ergeben sich Lücken, die Menschen und Systeme füllen, die wir im Grundsatz für besorgniserregend oder sogar falsch halten. Auch innerhalb des Systems, das eigentlich Hilfe verspricht, entstehen Leerstellen.
Sparmaßnahmen haben Folgen. Sie zeigen sich in chronischem Personalmangel, fehlender Schulungen, baufälliger Gebäude und sogar einem zeitlich begrenzten Aufnahmestopp in der Kinder- und Jugendhilfe, wie wir es in Berlin 2024 erlebt haben. Aber das sind nur die sichtbaren und offensichtlichen Brandflecken des Hilfesystems. Es gibt noch andere. Jene, die sich an den strengen Regularien vorbei manövrieren und ihr eigenes Subsystem produzieren.
Ich spreche nicht von engagierten Ehrenamtlichen oder Elterninitiativen, die mit letzter Kraft noch versuchen ein Netz aufzubauen, um sich gegenseitig zu stützen. Ich spreche von den Alternativen, die Professionalität vorgaukeln, ohne sie zu besitzen.
Wo Not herrscht, Verzweiflung und Optionslosigkeit, haben unregulierte Anbieter, die das Hilfesystem an ihre Absichten und Zielvorstellungen anpassen, leichtes Spiel. Schließlich haben wir selbst nichts Vernünftiges mehr zu bieten, obwohl die Bedarfe da sind.
Das fängt an bei unregulierten Angeboten bei der Kinderbetreuung, weil die Eltern zwingend arbeiten müssen, aber die Kita eben Schließzeiten hat. Es betrifft den Jugendclub, der sich kein Fachpersonal mehr leisten kann und bei der hohen Fluktuation der Quereinsteiger die vorgeschriebenen Nachweise nicht mehr erfragt.
Es betrifft vor allem Kinder und Jugendliche mit erhöhten Bedarfen. Traumatisierte, psychisch erkrankte, neurodivergente Kinder und Jugendliche brauchen Menschen, die sich kümmern. Kinder die Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch erlebt haben, nicht in den Familien bleiben können, müssen untergebracht werden – und entsprechend begleitet.
Das kostet Geld. Es braucht speziell ausgebildetes Personal und ein abgestimmtes Setting. Hier bauen wir aber gerade ab. Der Referentenentwurf zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe ist ein Baustein, der genau dort die Notwendigkeit zielgerichteter Unterstützung hinterfragt, wo sie zwingend gebraucht wird. Wir provozieren ein Vakuum, das unmittelbar von Anbietern besetzt wird, die Wünsche verkaufen, aber keine Realität. Im besten Fall kommen sie mit guten Absichten, im schlimmsten Fall verfolgen sie ganz andere Ziele.
Es ist bisweilen keineswegs so, dass dort Dilettanten und Amateure am Werk sind, die sich klar und deutlich von qualifizierten Anbietern unterscheiden. Abgesehen davon ist man in der Regel dazu geneigt, nachsichtig und weniger kritisch zu reagieren, wenn endlich jemand Hilfe anbietet.
Wir haben heute schon Sportlehrer ohne Führungszeugnis in Schulen und Kitas. Lehrer nehmen dankend kurzfristige Unterstützung von Externen an, wenn Kollegen ausfallen und in der Kinderbetreuung im Einkaufscenter hilft auch mal jemand aus dem Verkauf, wenn gerade viel zu tun ist.
Wir haben für alles Regeln und Gesetze – teilweise besonders strenge beim Kinderschutz. Aber was sind sie wert, wenn wir keine Grundlagen schaffen, damit sie überhaupt eingehalten und kontrolliert werden können?
Wir schaffen gerade Möglichkeiten, die wir dann wieder nicht wahrhaben wollen.
Der Markt wächst schon länger. Jetzt fangen wir an, ihn aktiv zu bedienen.
Der Artikel erschien zuerst auf LinkedIn.
Umbau der Kinder- und Jugendhilfe
17. April 2026
Wir haben uns viele hübsche Gesetze und Vorschriften gebaut, um die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu wahren, zu stärken und sie stärker in den Fokus zu rücken – zumindest auf dem Papier.
Wir feiern die Kinderrechtskkonvention und schreiben sie uns immer wieder groß auf die Fahne. Aber wir schaffen es nicht, Kinderrechte im Gesetz zu verankern.
Wir ratifizeren wie es von uns erwartet wird die Lanzarotekonvention wie auch die Instanbulkonvention, nur um sie dann in irgendeiner Schublade verkümmern zu lassen.
Denn was von dem, dem wir uns mit Pomp und Trara verpflichtet haben, setzen wir um? Wo werden Kinder gehört? Wo entscheiden sie mit?
Wo interessiert es irgendjemanden, was sie wollen, brauchen oder wie sie sich fühlen?
Genau dort, wo es nichts kostet.
Kein Aufwand, keine Mühe und erst recht kein Geld.
Deswegen kann man sich auch trauen eine Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe zu formulieren, die genau diese Bevölkerungsgruppe nicht nur weiterhin nicht besonders beachtet, sondern sie ganz abschafft.
Aus Sparmaßen. Klar!
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