Früher hat ein Dorf ein Kind erzogen. Heute ist jeder sich selbst überlassen.
Deswegen scheitert Schutz.
Hinsehen allein reicht nicht. Und Handeln ist nicht immer einfach.
Meine Eindrücke aus jahrelanger Recherche, aus der Praxis im Rahmen ehrenamtlicher Tätigkeiten und auch meine eigenen Erfahrungen teile ich hier.
Es muss sich etwas ändern – und ich fange an.
Aus der Recherche – und wie man damit umgeht
Seit nahezu sechs Jahren recheriere ich nun im Bereich Kinder- und Jugendschutz. Besonders der Kontext häusliche Gewalt und Gewalt im Nahfeld ist mir dabei mehr versehentlich als absichtlich in den Fokus gerutscht.
Dabei sind mir Dinge begegnet, die ich zuvor nicht für möglich gehalten hatte. Und das obwohl ich im direkten Umfeld – in meinem eigenen Nahfeld – genau diese Dinge beobachten konnte.
Meine erste bewusste Erinnerung an eine beobachtete Misshandlung eines Kindes liegt Anfang der Neunziger. Ich war vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Der Junge war auffällig, aggressiv und suchte die Auseinandersetzung. Er hatte häufig blaue Flecken. Man ordnete sie seinen provozierten Auseinandersetzungen zu – den Pausenhofschlägereien und jenen auf dem Nachhauseweg. Aber so war es nicht.
Er gab nur weiter, was er selbst erfahren hatte. Aber niemand wollte es sehen.
Dass er seine Kindheit überlebt hat, war wohl eher Glück.
Heute weiß ich nicht mehr, wie viele solcher Kinder ich gesehen habe. Und wie viele ich übersehen habe.
Wie viele Erwachsene mir gegenüberstanden und auf einmal erzählten. Denn die Kinder werden groß und legen als Erwachsene nicht ab, was sie erlebt haben.
Vielleicht verdrängen sie es oder sie geben sich selbst die Schuld. Oder sie werden krank, weil sie nicht verarbeiten können, was man ihnen genommen hat.
Es stimmt einfach nicht, dass man Kindheit hinter sich lässt. Sie prägt. Sie formt unser erwachsenes Ich. Sie macht aus uns die Menschen, die dann vielleicht selbst Kinder haben – und entweder weitergeben, was sie kennen, oder alles daran setzen es anders zu machen.
So hab ich überhaupt erst zum Schreiben gefunden.
Um zu erzählen, was für viele gar nicht sagbar ist. Wie sollte das besser funktionieren, als in einer Geschichte versteckt?
Dabei ist es eine Lüge zu behaupten, man könne Themen von sich schieben und rationalisieren.
Man kann sich distanzieren, um arbeitsfähig zu bleiben. Und das muss man auch. Aber man hört nicht auf Mensch zu sein. Das darf man auch nicht.
Ein Prinzip, das mir wichtig ist und welches ich nicht ablegen werde ist: wenn ich es sehe, bin ich (mit-)verantwortlich. Das ist nicht verhandelbar und absolut optionslos.
Jedoch bedeutet es auch, Druck auszuhalten. Es kann bedeuten, von seiner Arbeit abweichen zu müssen, andere Wege zu gehen und plötzlich Dinge zu tun, die man nie tun wollte. Manchmal länger, als einem lieb ist.
Als ich ein Kind war, gab es viele, die einfach aushalten mussten, erwachsen wurden, ohne dass sie jemals wirklich gesehen wurden, weil ich auch nur ein Kind war und nicht ausgereicht hab. Heute bin ich kein Kind mehr und reiche trotzdem oft nicht.
Das liegt nicht an mir. Das liegt oft an Systemen, die nicht tun, wofür sie gemacht sind. Oder an Menschen, die ihre Aufgaben missverstehen.
Ich kann nicht die Welt retten. Das ist auch nicht meine Aufgabe.
Aber ich kann zeigen, wo die Bruchstellen liegen, die häufig einfach zu beheben wären – wenn nur ein paar mehr bereit wären, daran zu arbeiten.
Umbau der Kinder- und Jugendhilfe
Wir haben uns viele hübsche Gesetze und Vorschriften gebaut, um die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu wahren, zu stärken und sie stärker in den Fokus zu rücken – zumindest auf dem Papier.
Wir feiern die Kinderrechtskkonvention und schreiben sie uns immer wieder groß auf die Fahne. Aber wir schaffen es nicht, Kinderrechte im Gesetz zu verankern.
Wir ratifizeren wie es von uns erwartet wird die Lanzarotekonvention wie auch die Instanbulkonvention, nur um sie dann in irgendeiner Schublade verkümmern zu lassen.
Denn was von dem, dem wir uns mit Pomp und Trara verpflichtet haben, setzen wir um? Wo werden Kinder gehört? Wo entscheiden sie mit?
Wo interessiert es irgendjemanden, was sie wollen, brauchen oder wie sie sich fühlen?
Genau dort, wo es nichts kostet.
Kein Aufwand, keine Mühe und erst recht kein Geld.
Deswegen kann man sich auch trauen eine Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe zu formulieren, die genau diese Bevölkerungsgruppe nicht nur weiterhin nicht besonders beachtet, sondern sie ganz abschafft.
Aus Sparmaßen. Klar!
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